„Mit einem gerechten Frieden zur Zivilisation der Liebe“

Eröffnungsansprache des Erzbischofs von Rijeka, Mate Uzinić, anlässlich der Eröffnung der V. Mittelmeerischen Theologischen Begegnungen in Lovran 2026.

Liebe Freunde,
sehr geehrte Anwesende,

mit Freude und Stolz, aber auch mit einer gewissen Zurückhaltung, wende ich mich an Sie anlässlich der Eröffnung der diesjährigen V. Mediterranen Theologischen Begegnungen der Theologiestudierenden der christlichen Kirchen und der Theologiestudierenden islamischer Bildungseinrichtungen. Gemeinsam mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bringe ich unsere Freude und unseren Stolz darüber zum Ausdruck, dass wir uns bereits zum siebten Mal in einem solchen Rahmen versammeln. Zu dieser Zahl zähle ich nämlich auch die beiden Dubrovniker Sommerschulen der Theologie.

Es ist keine geringe Freude, vertrauten wie auch neuen Gesichtern zu begegnen – älteren und jüngeren Theologinnen und Theologen, Journalistinnen und Journalisten, Priestern, Freunden und Ihnen allen, die unsere Arbeit wohlwollend begleiten. Ich bin überzeugt, dass wir die Woche in einer Atmosphäre gegenseitigen Zuhörens und gegenseitiger Wertschätzung, des Nachdenkens und des Dialogs über den Frieden verbringen werden. Und dass wir – bereichert – in unsere Häuser und Gemeinschaften zurückkehren werden. Das Wort Begegnung ist, um den Gedanken des Theologen Ivan Golub zu wiederholen, in den slawischen Sprachen etymologisch mit dem Wort Glück verbunden.

Allen, die zur Organisation der diesjährigen  Theologischen Begegnungen in Lovran beigetragen haben, spreche ich meinen Dank aus. Einen besonderen Dank richte ich an die Referentinnen und Referenten, Christinnen und Christen sowie Musliminnen und Muslime. In diesem Jahr sind dies: Sihem Djebbi, Bischof Grigorije Durić, Stipe Odak und Viola Raheb. Mit ihren Vorträgen werden sie uns dazu anregen, auch in den Sommertagen wachsam für das theologisch Wesentliche zu bleiben: für ein konsequentes Zeugnis des Gottes des Friedens und für ein friedensstiftenderes Handeln unsererseits.

Mein Dank gilt ebenso den hochgeschätzten Gästen der diesjährigen theologischen Begegnungen: dem Kardinal von Chicago, Blase Cupich, sowie dem Belgrader Kardinal Ladislav Nemet. Durch ihren Besuch und ihre Ansprachen zeigen wir, dass die Mediterranen Theologischen Begegnungen nicht nur mediterran sind, sondern Ausdruck der Katholizität, der Universalität der Kirche, die gemäß dem Evangelium Jesu, Ort, Zeichen und Werkzeug neuer und besserer Beziehungen zwischen den Menschen sein sollte. Unsere Absicht ist es – um Papst Franziskus von einer ähnlichen theologischen Tagung in Neapel zu paraphrasieren –, dass diese unsere Begegnungen wenigstens ein bescheidenes theologisches Laboratorium der Geschwisterlichkeit und Freundschaft zwischen Menschen und Völkern sein mögen.

Ich sagte jedoch, dass ich neben Freude und Stolz auch eine gewisse Zurückhaltung empfinde. Diese bezieht sich nicht auf ein Zögern, Zeugnis für den eigenen Glauben abzulegen, sondern auf das außerordentlich anspruchsvolle Thema, das wir uns zum Nachdenken gestellt haben, und noch mehr auf die notwendige Praxis, die aus neuen Erkenntnissen und Einsichten hervorgehen sollte. Meine Zurückhaltung entsteht also aus unserem Thema selbst – dem Frieden. Denn der Frieden gehört zu den erhabensten und schwer erreichbaren Dimensionen ebenso aber zur Spiritualität unseres Lebens. Wer kann in vollem Sinne behaupten, ein Friedensstifter zu sein?

Der vollständige Titel der diesjährigen Mediterranen Theologischen Begegnungen lautet:

„Frieden prophetisch verkünden, umgeben vom Lärm des Krieges: Friedensstiftung im Zeitalter des Militarismus.“

Wenn die Katholische Kirche – und keineswegs nur sie, sondern wir alle – Verantwortung für den Frieden in unserer Welt tragen, wenn wir bessere Beziehungen zwischen den Menschen schaffen, Geschwisterlichkeit aufbauen und Freundschaft stiften wollen, dann wissen wir, wie schwach und zerbrechlich wir trotz all unserer guten Absichten sind – sowohl persönlich als auch gemeinschaftlich, sowohl als Einzelne als auch als Kirchen und Religionsgemeinschaften –, wie unaufrichtig und sündhaft wir als Friedensstifter oft sind.

Unser Titel besagt, dass die Verkündigung des Friedens in einer ohrenbetäubenden Umgebung geschieht, mitten im Lärm des Krieges, und dass Friedensstiftung im Zeitalter des Militarismus stattfindet. Es scheint, als hätten Frieden und Friedensstiftung seit Anbeginn der Menschheit ihr natürliches Umfeld in Kriegsgeschrei und allgemeiner Kampfbereitschaft. Als wäre es dem Menschen angeboren, Krieg zu führen und Soldat zu sein. Deshalb weist das Wort prophetisch darauf hin, dass wir der allgegenwärtigen Kriegslust nur mutig und prophetisch entgegentreten können.

Doch lassen Sie uns eines gleich zu Beginn klarstellen: Die Geschichte kennt keinen Propheten des Friedens, der für seine prophetische Botschaft nicht schwer gelitten oder sogar sein Leben verloren hätte. Und es ist keineswegs ein Einzelfall, dass gerade im Lärm von Gewalt und Krieg zuerst die Friedensstifter zu Opfern wurden. Immer wieder, auch in diesem Augenblick irgendwo auf der Welt, erklingen Worte des Hohns und der Schadenfreude über das Schicksal eines Friedenspropheten, den man zum Schweigen gebracht oder getötet hat. »Da hat er es! Er hat doch nach Frieden, Dialog und Vergebung gerufen!«, hallt der zynische Spott der Mächtigen und der verführten Menge wider.

Andererseits – besonders auf der anderen Seite des Krieges – bekennen die Gläubigen unserer Religionen und wir gemeinsam mit ihnen, dass der Gott, an den wir glauben, den Frieden bedingungslos fordert: die Schaffung des Friedens unter den Menschen. Bei ökumenischen und interreligiösen Begegnungen zitieren wir gerne unsere heiligen Schriften über den Frieden, berufen uns auf große Friedensstifter und erläutern die Bedeutung der Worte mir, Schalom und Salam. Wir können nicht umhin, von einer der tiefsten Sehnsüchte jedes menschlichen Herzens zu sprechen.

Auch ich werde dies tun. Denn ungeachtet aller Fehlentwicklungen und aller Heuchelei unserer Friedensbemühungen bin ich überzeugt, dass sich unser Zustand des Krieges nicht ändern wird, wenn wir schweigen und nicht zum Frieden aufrufen. Deshalb möchte ich einige Gedanken über den Frieden und die Friedensstiftung mit Ihnen teilen.

Frieden mit Gott und unbewaffneter Friede in den Augen

Zunächst eine kurze Frage: Wenn jeder von uns gesammelt das Wort Frieden ausspricht – spürt er dann nicht, dass er nicht der Eigentümer des Friedens ist? Spürt er nicht, dass der Frieden von anderswoher kommt, aus der Ferne, aus unserem Innersten, aus den unbekannten Räumen unserer Tiefe, die wir selbst nicht vollständig erfassen können?

Hören wir noch einmal in uns hinein, wie das Wort FRIEDEN in uns widerhallt. Das ist keine Demagogie, sondern die Überzeugung, dass der Frieden tatsächlich mit dem tiefsten Geheimnis unseres Daseins verbunden ist, mit Gott – so wie jene wichtigste und leiseste Stimme, die wir zugleich für die uns persönlichste und zugleich fremdeste halten: Gottes Stimme in uns.

Sagen nicht alle unsere Religionen, dass das Wichtigste darin besteht, mit Gott im Frieden zu sein? Setzen wir diesen Frieden nicht mit unserem wahrsten Selbst gleich? Wir sagen doch: Mit Gott im Frieden zu sein bedeutet, mit sich selbst im Frieden zu sein; ein dauerhaft unversöhnter Mensch mit sich selbst zu sein hingegen ist ein schicksalhaftes Unglück.

Mein erster Wunsch für mich selbst und für Sie ist daher, dass uns diese Mediterranen Theologischen Begegnungen, das Zuhören und die Diskussionen, die Dialoge und das Beisammensein bei unserer Suche nach jenem inneren Frieden helfen mögen, den es für uns Gläubige ohne die persönliche und innige Gemeinschaft mit Gott nicht gibt. Möge deshalb das Wort Frieden bis in die Wurzel unseres Seins hinein nachklingen.

In einer der Seligpreisungen der Bergpredigt sagt Jesus, dass die »Friedensstifter Kinder Gottes heißen werden«. In der semitischen Kultur und Sprache, in der Jesus spricht, schließt die Bezeichnung Söhne auch die Töchter mit ein. Gottes Sohn oder Gottes Tochter, Gottes Kind zu sein und untereinander Brüder und Schwestern zu sein, ist daher eine große Seligkeit, ein erhabenes Glück.

Glücklich sind jene Menschen, die mit Gott im Frieden sind, die mit ihren Wünschen und Ambitionen, mit ihrem Einsatz und ihrer Ruhe versöhnt sind; die zu solchen Stiftern und Vermittlern des Friedens unter den Menschen werden, dass andere sich in ihrer Gegenwart nicht fürchten müssen, sich nicht verstellen müssen, sondern sich willkommen fühlen, aufrichtig sein können, Freunde und Kinder Gottes gleicher Würde sein dürfen.

Der zweite Gedanke, den ich mit Ihnen teilen möchte, betrifft eine besondere und anspruchsvolle Bedeutung der Friedensstiftung. Papst Leo XVI. hat dieses Jahr zum Jahr des heiligen Franziskus von Assisi erklärt. Zudem hat er ein Fürbittgebet zum heiligen Franziskus für den Frieden verfasst – für einen unbewaffneten und entwaffnenden Frieden in der Welt.

Für diese Gelegenheit möchte ich besonders auf die Bedeutung der friedensstiftenden Begegnung des heiligen Franziskus mit Sultan al-Kamil hinweisen. Anlässlich des 800. Jahrestages dieser Begegnung unterzeichnete Papst Franziskus im Jahr 2019 gemeinsam mit dem Großimam von al-Azhar, Ahmed al-Tayyeb, in Abu Dhabi die Erklärung über die Brüderlichkeit aller Menschen. Anschließend erklärten die Vereinten Nationen den 4. Februar zum Internationalen Tag der Geschwisterlichkeit aller Menschen…

Franziskus überschritt im Jahr 1219, mitten im Lärm des Fünften Kreuzzuges, unbewaffnet – oder, wie sein Zeitgenosse, der Bischof von Akkon Jakob von Vitry schrieb, »mit dem Glauben bewaffnet« – die Frontlinien, betrat das Lager des muslimischen Heeres und begegnete dem Sultan.

Wir wissen nicht, wie dieses Treffen verlief und worüber Franziskus und al-Kamil miteinander sprachen. Möglicherweise wollte Franziskus den Sultan und seine Muslime zum Christentum bekehren – selbst um den Preis des Martyriums. Sicher ist jedoch, dass Franziskus ohne die Märtyrerpalme zurückkehrte und nicht den Sultan veränderte, sondern selbst verändert wurde.

Das, liebe Freunde, ist die schwierigste Form friedensstiftenden Handelns.

Es ist keineswegs leicht – nicht nur bei ökumenischen und interreligiösen Begegnungen, sondern überhaupt im Leben –, nur mit Menschlichkeit und Glauben »bewaffnet« dem »Feind« von Angesicht zu Angesicht zu begegnen; ohne Verstellung und doppeldeutige Diplomatie miteinander zu sprechen; unbewaffnet, mit Frieden in den Augen, in Achtung vor der Würde des anderen und unter dem liebenden Blick Gottes auf uns Menschen.

Frieden für eine »Zivilisation der Liebe«

Der dritte Gedanke, den ich mit Ihnen teilen möchte, bezieht sich auf Worte von Papst Leo XIV. aus seiner Enzyklika Magnifica humanitas (Die großartige Menschlichkeit).

In diesem inhaltlich außerordentlich reichen Rundschreiben über das Handeln im Zeitalter der digitalen Revolution und der Künstlichen Intelligenz setzt sich der Papst insbesondere mit dem Übel des Krieges auseinander, das als Übel benannt werden muss.

Der Aufbau der Welt darf sich jedoch nicht allein darin erschöpfen, das Übel des Krieges anzuprangern – so notwendig dies auch ist –, sondern muss vielmehr auf der Entscheidung beruhen, das Gute zu tun: auf dem Aufbau einer Zivilisation der Liebe.

Zur Erinnerung: Von einer Zivilisation der Liebe sprach zuerst Papst Paul VI., später Papst Johannes Paul II. Unser Theologe Tomislav J. Šagi-Bunić setzte sich unermüdlich für die Zivilisation der Liebe ein.

Getreu seiner Sicht auf die heutige Welt – von jener Videobotschaft im September 2025 an, in der er dazu aufrief, Lampedusa, eines der Eingangstore für Migranten nach Europa, in das immaterielle Weltkulturerbe der Menschheit aufzunehmen – ruft Leo XIV. auch in dieser Enzyklika dazu auf, aus der »Globalisierung der Ohnmacht« auszubrechen.

Zu diesem Schritt ruft er alle Menschen auf, nicht nur die Katholiken. Niemand, so sagt der Papst, sollte meinen, zu klein oder zu machtlos zu sein und deshalb nichts zum Aufbau einer neuen Welt der Liebe beitragen zu können.

Im friedensstiftenden Handeln, so bemerkt der Papst, »schleicht sich jedoch eine subtile Versuchung ein: zu denken, dass die Probleme zu groß und wir zu klein sind und dass unsere Entscheidungen daher nichts ändern werden. Es ist eine elegante Form der Kapitulation, die oft als Realismus getarnt ist. Sicherlich haben nicht alle den gleichen Einfluss auf die Wirklichkeit: Es gibt jene, die regieren, die über Investitionen entscheiden, die Institutionen leiten, jene, die forschen, die erziehen, die informieren, die produzieren; und es gibt jene, die anscheinend bloß ihr tägliches Leben führen. Doch niemand ist ohne Verantwortung. Alle verfügen über einen eigenen Handlungsbereich, und genau dort – nirgendwo anders – sind wir aufgerufen, zu entscheiden, ob wir die Logik der Stärke nähren (und sei es nur durch Gleichgültigkeit, Zynismus, Lüge oder Hass) oder die Logik des Friedens hochhalten (mit Wahrheit, Besonnenheit, Nähe und  Fürsorge).« (MH 212)

Ohne den Anspruch zu erheben, dieses Thema erschöpfend zu behandeln, schlägt Papst Leo für den Aufbau einer Zivilisation der Liebe in einer Zeit der Spaltungen, Konflikte und Kriege, im Zeitalter der Cyberkriege, „fünf Leitlinien der alltäglichen und öffentlichen Verantwortung“ vor. Der „Kultur der Ohnmacht“ stellt er die „Zivilisation der Liebe“ gegenüber.

Jeder Mensch trägt Verantwortung – nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Menschen und für die Welt als Ganzes. Jeder ist dazu aufgerufen, eine Zivilisation der Liebe aufzubauen und nicht eine Zivilisation des Konflikts. Papst Leo verwendet bewusst nicht den von vielen häufig gebrauchten Ausdruck „Kampf der Kulturen“. Wahrscheinlich möchte er, dass seine Enzyklika möglichst wenig konfrontativ wirkt, um ihre positive Botschaft nicht abzuschwächen.

Für den Aufbau einer Zivilisation der Liebe schlägt er folgende konkrete Schritte vor: „Worte entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufbauen, die Perspektive der Opfer einnehmen, einen gesunden Realismus pflegen, den Dialog und den Multilateralismus wiederbeleben.“ (MH 213).

1. Die Worte entwaffnen

»Der erste Beitrag«, so der Papst, »den wir zu einer humaneren Zivilisation leisten können, besteht darin, auf unsere Worte zu achten: »Entwaffnen wir die Worte, und wir werden dazu beitragen, die Erde zu entwaffnen.« (MH 214)

Ich denke, dass auch wir, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser theologischen Begegnungen, die Überzeugung teilen, dass die Zeit gekommen ist, wesentlich sorgfältiger auf unsere Worte zu achten; dass wir uns vor verbaler Gewalt, offener oder versteckter sprachlicher Aggression, vor Vorurteilen, Verleumdungen und allen Formen dämonisierender Sprache hüten müssen, von denen die heutige Kommunikation und das „Cyber-Schlachtfeld“ übervoll sind.

Unsere Worte, so fährt der Papst fort, sollen wahrhaftig sein, weise Ratschläge vermitteln und Worte des Trostes und der Gerechtigkeit in unsere Welt tragen.

2. Frieden und Gerechtigkeit sind untrennbar miteinander verbunden

Der zweite Schritt auf dem Weg zu einer Zivilisation der Liebe steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Frieden.

Papst Leo knüpft an seine Vorgänger an und betont: Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit.

»Wir streben nämlich nicht nach irgendeinem Frieden, nach einer Abwesenheit von Konflikten um jeden Preis, sondern nach jenem wahren Frieden, der aus der Gerechtigkeit entsteht.« (MH 215)

Unter Berufung auf den heiligen Augustinus ermutigt uns der Papst, in der Suche nach Gerechtigkeit nicht müde zu werden. Denn wir müssen eingestehen, dass wir – teils aus Erschöpfung, teils wegen der faszinierenden Verführungskraft des Bösen – häufig zurückweichen und darauf verzichten, gerechte Friedensstifter zu sein.

3. Mit den Augen des Anderen sehen und die Perspektive der Opfer einnehmen

Es ist schwer zu sagen, welcher dieser fünf Schritte für uns Menschen im Mittelmeerraum und auf dem Balkan, in Süd- und Mitteleuropa, die durch historische Ungerechtigkeiten verwundet, von so vielen Opfern geprägt und von dem Gefühl gekennzeichnet sind, dass andere unser Leid nicht nur nicht sehen, sondern sogar leugnen, der wichtigste ist.

Doch es scheint, dass gerade diese Weisung des Papstes für uns von besonderer Bedeutung ist:

„Nehmen wir die Perspektive der Opfer ein!“

Es genügt nicht, sich als gläubiger Mensch nur in sich selbst zu versenken, selbst die eifrigste Askese und Mystik zu pflegen. Vielmehr ist es notwendig, den Blick zu erheben, ihn von sich selbst abzuwenden und die Selbstbezogenheit zu überwinden.

Wie sehr fehlt uns gerade dieser Blick, wenn wir unsere Vergangenheit »verbessern«, unsere persönlichen und kollektiven Identitäten reinwaschen, unsere Opfer zählen, nach Massengräbern und Karsthöhlen, nach Friedhöfen und Gedenkstätten suchen und die Mythen unserer Opfergeschichtsschreibung konstruieren.

Eindeutig und kompromisslos schreibt der Papst:

»Es gibt Situationen, in denen wir, um menschlich zu bleiben, unser Zögern ablegen und Stellung beziehen müssen. Es gibt Konflikte, bei denen es nicht richtig ist, neutral zu bleiben, und es nicht ausreicht, zu glauben, dass man „kein Komplize ist“. [192] Angesichts von Bombenangriffen auf Zivilisten, Angriffen auf Krankenhäuser, Schulen oder lebenswichtige Infrastruktur sowie Gewalt, die Kinder trifft, sehen wir uns mit Skandalen konfrontiert, die die Menschheit selbst verwunden. Deshalb können wir nicht auf der Ebene von abstrakten Analysen verharren.« (MH 216)

Der Papst fordert, dass die Opfer zu Subjekten unseres Denkens, unseres Sprechens und unseres Handelns werden; dass wir „den Leib der Leidenden berühren“ (Papst Franziskus), uns vom Schicksal der Unglücklichen berühren lassen und „den Blick nicht abwenden, wenn die Menschenwürde verletzt wird“ (MH 216).

Mitgefühl und Empathie – jene heute so mangelhaften und selten gewordenen Eigenschaften unserer Zivilisation – müssen wir wieder in die Erziehung, in unsere Familien, in unsere Kirchen und Religionsgemeinschaften zurückbringen, wozu uns letztlich auch der Gott aufruft, an den wir glauben. Denn Gott ist unermesslich mitfühlend, gnädig und barmherzig.

Unsere Kirchen und Gemeinschaften sollen Orte lebendiger Erinnerung an die Opfer sein. Papst Leo wiederholt die Worte Pauls VI., dass wir „die Stimme der Toten vergangener Kriege und die Stimme der Lebenden sein sollen, die noch heute ihre Wunden tragen, damit ihr Schrei zu einem Ruf nach Frieden und Eintracht wird und nicht zum Auftakt neuer Konflikte.“ (MH 217)

4. Die Wirklichkeit annehmen

Ein Friedensstifter bleibt von vielfältigen Versuchungen nicht verschont: Er kann der Versuchung der Ohnmacht erliegen oder seine Friedensarbeit professionalisieren und dadurch zum Profiteur der Konflikte und des Leids anderer werden; oder aber er verfällt in seinem Eifer der Illusion der Allmacht guter Absichten und beschönigt die harte Wirklichkeit.

Für den Aufbau einer Zivilisation der Liebe ist – so betont der Papst – ein „gesunder Realismus erforderlich, der sowohl politischen Idealismus als auch Zynismus vermeidet. Es gibt nämlich eine Form des Idealismus, die, um das eigene Weltbild zu retten, Tatsachen auswählt, sie verzerrt, umbenennt und schließlich in einer Wirklichkeit lebt, die nach den eigenen Überzeugungen konstruiert ist. Andererseits gibt es auch eine pervertierte Form des Realismus, die die Feststellung von Tatsachen mit Gleichgültigkeit verwechselt: Weil sich die Macht durchsetzt, schließt sie daraus, dass es eben so sein müsse. Authentischer Realismus gibt den Versuch, die Welt zu verändern, nicht auf; er geht von einer klaren Sicht auf Interessen, Ängste, Grenzen und Machtverhältnisse aus, gerade um abzuschätzen, was erreichbar ist und mit welchen Schritten. Er reduziert Politik nicht auf Moralisieren, überlässt sie aber ebenso wenig der Gewalt; vielmehr sucht er gangbare Wege, damit der Frieden mehr ist als nur ein Wort – durch glaubwürdige Institutionen, überprüfbare Garantien, geduldige Verhandlungen, Konfliktprävention und den Schutz der Zivilbevölkerung.“ (MH 218)

5. Dialog, Verhandlungen und Multilateralismus

Die letzte Leitlinie für unser Leben als Glaubende, der letzte wichtige Schritt, zu dem Papst Leo uns aufruft, ist der Dialog – und mit ihm verbunden Verhandlungen und Multilateralismus.

Mit Trauer müssen wir feststellen, dass das Wort Dialog bei manchen Gläubigen Nervosität hervorruft und sogar von bestimmten Verkündern und Lehrern des Glaubens abgelehnt wird.

„Um eine Zivilisation der Liebe aufzubauen, müssen wir den Dialog praktizieren“, erklärt Papst Leo unmissverständlich. „Er ist das wichtigste Mittel für das Zusammenleben der Menschen und Völker und die Alternative zum offenen Konflikt.“ (MH 219)

Deshalb ist es tragisch, wenn ausgerechnet Gläubige – und mehr noch Theologen – gegen den Dialog auftreten.

Der Krieg ist das größte Übel, das Menschen und Völker treffen kann. Durch ihn kann alles verloren gehen, während durch Frieden und Gespräch nichts verloren wird – so wiederholt der Papst die Lehre seiner Vorgänger.

„Der Krieg ist niemals unvermeidlich; die Waffen können und müssen schweigen, denn sie lösen keine Probleme […].“

Aus dem Glauben heraus erklärt der Papst weiter, dass hinter jeder Rechtfertigung des Krieges eine bestimmte Anthropologie steht, letztlich ein ungläubiger Blick auf den anderen. „Die anderen sind nicht in erster Linie Feinde, sondern menschliche Wesen; sie sind keine Übeltäter, die man hassen muss, sondern Personen, mit denen man sprechen soll. Hüten wir uns vor manichäischen Sichtweisen, wie sie für gewaltsame Narrative typisch sind, die die Welt in Gute und Böse einteilen.“ (MH 222)

Diese manichäische, dualistische Sichtweise beherrscht die führenden Mächtigen und die vorherrschenden politischen Strömungen. Leider wirkt sie ansteckend auch auf die Gläubigen, sodass sie weltlichen Einteilungen in Gute und Böse, Reine und Unreine, Gläubige und Ungläubige, Freunde und Feinde folgen.

Der Manichäismus ist eine zeitlose Ideologie der Eingebildeten, aber auch der Ängstlichen, der Hochmütigen, aber ebenso der Feiglinge – von Menschen, die im Geist träge sind, weil sie in ihrer Selbstliebe die anderen nicht sehen und weder die Geduld noch die Liebe aufbringen, zuzuhören, zu unterscheiden und Nuancen wahrzunehmen.

Niemand ist frei von der Versuchung des Manichäismus. Es ist leichter, den Knüppel der Selbstgerechtigkeit und Ausschließlichkeit zu schwingen, als sich der Mühe des Denkens zu unterziehen, angemessene Worte zu suchen oder mitfühlend auf andere zu blicken und sie zu verstehen.

Der Manichäismus ist eine gottlose Ideologie, denn die Manichäer – ob Theisten oder Atheisten, ob links oder rechts – setzen sich an die Stelle Gottes. Sie bilden sich ein, über die Schicksale der Menschen urteilen zu können, Menschen in Richtige und Falsche einzuteilen und sich selbst als ihre Beglücker und Messias aufzuspielen. Sie treiben Menschen in Lager, zerteilen die Welt durch unüberwindbare Grenzen und halten ständig das Schwert der Selbstzensur über sie: Wohin gehören sie und wo sind sie willkommen?

Wir sind, liebe Freunde, hierher gekommen, um dem verführerischen Manichäismus, der Ausgrenzung und dem Rückzug in ethnische oder religiöse Reinheitsvorstellungen zu entsagen.

Wir sind Kinder des Vaters des Glaubens, Abrahams, der durch seine Gastfreundschaft gegenüber Fremden – ohne es zu wissen – Gott selbst aufgenommen hat.

Wir tragen Verantwortung dafür, welche Welt wir den kommenden Generationen hinterlassen werden: eine gastfreundliche oder eine lebensfeindliche Welt?

Wir sind verpflichtet, bessere gegenseitige Beziehungen aufzubauen – eine „Zivilisation der Liebe“.

Hier, an diesem Ort des Mittelmeerraums und in dieser gemeinsamen Zeit, haben wir eine Woche lang die Gelegenheit, miteinander zu sprechen, einander zuzuhören, zu lernen, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen, auf unsere Worte zu achten und die Wahrheit in Liebe und in Achtung vor der Würde des anderen auszusprechen.

„Der Dialog ist ein unverzichtbarer Bestandteil des menschlichen Lebens und betrifft nicht nur die Beziehungen zwischen Staaten“, schreibt Papst Leo in derselben Enzyklika über die großartige Möglichkeit, wahrhaft menschlich zu sein. Und er fügt hinzu:

„Er [der Dialog] setzt die Bereitschaft voraus, geschwisterliche Beziehungen aufzubauen, die auf Zuhören, aufrichtigen Blicken, geschenkter Zeit und sogar auf gemeinsam verbrachter, scheinbar verlorener Zeit beruhen. Denn wenn wir einer anderen Person – einem Fremden, einem Migranten – wirklich begegnen, wird es sehr viel schwieriger, sich überhaupt noch einen Krieg vorzustellen.“ (MH 220)

Darum wollen auch wir Gemeinschaft pflegen, miteinander sprechen und gemeinsam Zeit „verlieren“ – in gegenseitiger Wertschätzung und Heiterkeit.

Ich glaube, dass wir nach diesen Mediterranen Theologischen Begegnungen gestärkt im Glauben an Gott in unsere Häuser und Gemeinschaften zurückkehren werden; dass wir den Mut haben werden, den Frieden prophetisch zu verkünden, auch wenn wir vom Lärm der Kriegstreiber umgeben sind; dass wir uns vor jeder Form der Gewalt und jeder Sakralisierung von Hass und Krieg hüten werden.

Ich glaube, wir werden mit größerer Achtung und größerem Vertrauen in die Menschen nach Hause zurückkehren – auch in jene, die uns unbekannt sind, in Fremde und Verachtete, in Opfer und Leidende – und mit unerschütterlichem Mut an einer „Zivilisation der Liebe“ bauen, deren Fundament ein gerechter Friede und die universale Geschwisterlichkeit sind.

Mögen diese Tage Ihnen nützlich sein, zum Mut – zur Freude, zum Frieden und zum Segen!

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